Digitale Souveränität: Wie ich mich Schritt für Schritt von US-Diensten löse

Es ging so schön los mit dem Internet. Die Aufbruchstimmung vor rund 20 Jahren ist dahin. Sie ist der brutalen Kommerzialisierung zum Opfer gefallen, Instagram und Facebook vor allem. Mächtige Herrscher bedrohen schon länger unsere „Digitale Souveränität“ – etwa China mit der totalen Überwachung oder Russland mit den andauernden Hackerangriffen. Neu ist der Faschismus in den USA. Unter Donald Trump bekommen die Distroprien wie 1984 oder Schöne neue Welt ungeahnte Brisanz. Europa ist zur Zielscheibe einer in die Tyrannei abgleitenden USA geworden.

Das Stichwort ist: Digitale Tyrannei. Als zuletzt die beiden Gründerin von HateAid mit einem US-Einreiseverbot aufgrund ihrer Arbeit gegen die schlimmsten Auswüchse des Hasses im Internet belegt wurden, war ich geschockt. Hintergrund sind die vom Trump-Regime inszenierten Sanktionen gegen eine Reihe von Richtern am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Diese kommen nicht mehr an ihre Mail heran und auch nicht an ihr Geld (Kreditkarten). Das ist vollkommen inakzeptabel. Hier ist nackte Willkür am Werk, gegen Menschen, die nichts verbrochen haben, sondern helfen wollen. Jetzt bin ich wachgeworden. Die US-Amerikaner können, wenn es ihnen in den Sinn kommt, alles abschalten und Unternehmen, sowie einzelne komplett runieren. Dagegen müssen wir uns wehren. Ich bin im Januar 2026 damit angefangen.

Digitale Selbstverteidigung gegenüber US-Monopolstrukturen

Unsere digitale Infrastruktur entscheidet heute darüber, wie frei wir arbeiten, denken und publizieren können. Sie ist kein Hintergrundrauschen mehr, sondern Teil unserer politischen Realität. Digitale Entscheidungen – wo wir speichern, schreiben und kommunizieren – wirken weit über den persönlichen Alltag hinaus und stabilisieren oder verschieben Machtverhältnisse.

Ich habe mir deshalb vorgenommen, das gesamte Jahr 2026 für den Umbau meiner digitalen Infrastruktur zu nutzen. Nicht radikal von heute auf morgen, sondern bewusst, Schritt für Schritt. Am Ende dieses Jahres möchte ich weitgehend auf US-Technologien verzichten – außer dort, wo es strategisch oder wirtschaftlich notwendig bleibt, etwa für Anzeigen.

Der Auslöser ist politisch, aber nicht kurzfristig. Die USA sind aus meiner Sicht strukturell keine stabile Demokratie mehr. Das liegt nicht nur an Donald Trump, sondern an einer politischen Kultur, in der autoritäre Fantasien offen formuliert werden, staatliche Übergriffe auf Universitäten, Kunst und Justiz kaum Widerspruch erfahren und große Tech-Unternehmen schweigen, obwohl sie längst kritische Infrastruktur betreiben.

Wenn politische Akteure zur Denunziation von Bürgern aufrufen und Plattformen diese Dynamiken verstärken oder dulden, ist Schweigen keine neutrale Position mehr. Wenn gleichzeitig europäische Staaten verbal angegriffen, Bündnispartner herabgewürdigt und autoritär geführte Regierungen innerhalb der EU politisch aufgewertet werden, ist das kein Randphänomen, sondern ein Muster.

Digitale Selbstverteidigung bedeutet für mich nicht Rückzug. Sie bedeutet Verantwortung. Ich ziehe mich nicht aus dem Netz zurück, ich verschiebe Abhängigkeiten. Weg von proprietären US-Monopolen, hin zu offenen, überprüfbaren und europäischen Strukturen.

Der Umbau beginnt dort, wo Identität und Kommunikation zusammenlaufen. Ich habe mir zunächst eine neue Mailadresse bei Mailbox.org eingerichtet, bewusst im einfachen Tarif. E-Mail ist der Kern fast aller digitalen Prozesse. Wer dort unabhängig wird, kann den Rest neu ordnen.

Parallel dazu habe ich Anytype auf all meinen Geräten installiert. Nicht als Produktivitätstool, sondern als Denkraum. Schreiben, Skizzieren, Reflektieren – all das braucht Orte, die nicht permanent vernetzt, analysiert oder monetarisiert werden. Gedanken dürfen roh sein, unfertig, widersprüchlich. Genau dafür nutze ich Anytype.

Das größte Projekt bleibt der Abschied von Microsoft 365 mit einem Terabyte Cloudspeicher. Technisch ist das lösbar, mental ist es anspruchsvoller. Jahre an Dokumenten, Versionen und Gewohnheiten lassen sich nicht einfach kopieren. Deshalb habe ich mir Zeit gegeben. Ein Jahr, um zu sortieren, zu trennen und neu zu strukturieren.

Ich verschweige dabei nicht meine aktuellen Abhängigkeiten. Ich nutze weiterhin Google-Dienste, Instagram beziehungsweise Meta und auch ChatGPT. Aber ich nutze sie bewusster, reduzierter und nicht mehr als Fundament. Sie sind Werkzeuge, keine Heimat.

Open Source ist für mich dabei kein Idealismus, sondern eine Überlebensstrategie. Offene Software bedeutet Transparenz, geringere Erpressbarkeit und technologische Mündigkeit. Selbst ehemalige Führungskräfte aus dem Silicon Valley raten Europa inzwischen offen dazu, eigene digitale Souveränität aufzubauen. Nicht aus Altruismus, sondern aus Erfahrung.

Digitale Souveränität ist am Ende eine kulturelle Entscheidung. Wem vertraue ich meine Arbeit an? Wer verdient an meiner Aufmerksamkeit? Wer bestimmt die Regeln meiner digitalen Existenz?

Mein Umbau ist leise. Ohne großes Manifest, ohne Perfektionsanspruch. Mit Geduld, Richtung und Konsequenz. Ich habe mir ein Jahr Zeit genommen. Wenn viele Menschen beginnen, ihre digitalen Abhängigkeiten zu hinterfragen und neu zu ordnen, verändert sich das Machtgefüge. Nicht spektakulär, aber wirksam.

Digitale Selbstverteidigung beginnt nicht in politischen Sonntagsreden. Sie beginnt am eigenen Schreibtisch.

Meine 5-Schritte-Liste Digitale Souveränität in einem Jahr – ohne Aktionismus, dafür mit Struktur.

  1. Der neue alte Browser! Ich habe jetzt jahrelang CHROME als Hauptbrowser benutzt, weil der wirklich gut ist. Aber nun kehre ich GOOGLE den Rücken und verwende wieder FIREFOX als Hauptbrowser.
  2. Neue E-Mailadresse anlegen
    Ziel: saubere Trennung von Identität, Kommunikation und Abhängigkeiten.
    Vorschläge (bewusst nüchtern, langlebig):
    – vorname@posteo.de
    – vorname.nachname@mailbox.org
    – kontakt@deinedomain.de
    – hallo@deinedomain.de
    – publizieren@deinedomain.de
    Empfehlung:
    Eine Adresse für öffentlich/beruflich, eine zweite strikt privat. Keine Spitznamen, keine Jahreszahlen.
  3. Open-Source-Alternativen identifizieren und installieren
    Ziel: Funktionsgleichwertigkeit statt Perfektion.
    Vorgehen:
    – Welche Aufgaben erledige ich täglich?
    – Welche davon sind kritisch (Mail, Dateien, Schreiben)?
    – Dafür gezielt Open-Source-Lösungen suchen und testweise einsetzen
    Wichtig:
    Nicht alles ersetzen wollen. Erst die Kernfunktionen absichern.
    (Mein Tipp als E-Mail-App: FairEmail!
  4. Bestehende Daten sichten und kategorisieren
    Ziel: Klarheit vor Migration.
    Konkret:
    – Arbeitsdaten
    – Archiv
    – Persönliches
    – Müll / Altlasten
    Alles, was du seit zwei Jahren nicht geöffnet hast, wird kritisch hinterfragt. Das ist keine Technikfrage, sondern mentale Hygiene.
  5. Parallelbetrieb einrichten (ohne Druck)
    Ziel: Vertrauen aufbauen.
    Vorgehen:
    – Neues System nutzen, altes bewusst noch mitlaufen lassen
    – Keine automatischen Löschungen
    – Erst wenn sich Routinen stabil anfühlen, alte Dienste deaktivieren
    Das nimmt Angst und verhindert Rückfälle aus Stress.
  6. Abhängigkeiten bewusst markieren
    Ziel: Ehrlichkeit mit sich selbst.
    Liste offen führen:
    – Welche US-Dienste nutze ich noch?
    – Warum genau? Bequemlichkeit, Reichweite, Geld?
    – Ist das Werkzeug oder Infrastruktur?
    Nur Infrastruktur muss souverän sein. Werkzeuge dürfen Übergangslösungen bleiben.

Meine Alternativen zu US-Diensten:

  1. … zu GMAIL: Mailbox.org
  2. … zu Outlook: FairEmail
  3. … zu MICROSOFT 365: Nextcloud
  4. … GOOGLE CALENDAR, GOOGLE TASK, NOTION & CO: Anytype

Übrigens: WordPress.com ist ebenfalls ein US-Unternehmen. Allerdings auch Open Source.

Mehr zum Thema Digitale Selbstverteidigung und Reduzierung der Abhängig von US-Diensten unter www.digitalcourage.de/digitale-selbstverteidigung

WordPress-Experte

WordPress Webdesigner aus Hamburg. Ausgebildeter Mediengestalter. Blogger.

Schreibe einen Kommentar